Arbeitswelt jenseits des Büros: Was die Deskless Workforce bewegt
Was haben Altenpfleger, Gabelstaplerfahrer und Servicekräfte gemeinsam? Sie gehören zur Deskless Workforce und damit zu jenen weltweit rund 80 Prozent der Werktätigen, die an keinem Schreibtisch arbeiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Zur Deskless Workforce gehören Mitarbeitende, die abseits des Schreibtischs arbeiten, etwa in Produktion, Logistik, Pflege, Handel oder Außendienst.
- Dank digitaler Tools wie Mitarbeiter-Apps sowie des direkten Austauschs mit Führungskräften und Kollegen erhalten Deskless Worker wichtige Informationen.
- Mehr Mitbestimmung bei Arbeitszeiten, faire Arbeitsbedingungen und Wertschätzung fördern unter der Deskless Workforce die Mitarbeiterbindung und eine positive Employee Experience.
Was ist eine Deskless Workforce?
Zur Deskless Workforce gehören die sogenannten DesklessWorker, also Mitarbeitende, die keinen Büroarbeitsplatz haben. Sie arbeiten dort, wo Produkte hergestellt, Menschen versorgt, Waren bewegt oder Dienstleistungen erbracht werden: in Werkstätten, im Einzelhandel, in der Pflege, Gastronomie oder im Außendienst.
Deskless Worker bedeutet wörtlich übersetzt Arbeitnehmer ohne eigenen Schreibtisch. Begriffe wie Frontline Workforce oder Blue-Collar-Mitarbeiter überschneiden sich mit Deskless Workforce, bedeuten aber nicht vollständig das gleiche. Entscheidend ist bei der Deskless Workforce vor allem das Arbeitsumfeld: Die Tätigkeit findet direkt am Einsatzort statt und lässt sich meist weder im Homeoffice noch unabhängig von festen Betriebszeiten erledigen.
Gemeinsam ist diesen Mitarbeitenden, dass sie sich in HR-Strategien oft nicht wiederfinden. Das ist ein erhebliches Versäumnis, denn diese Berufsgruppe macht weltweit rund 80 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus. Eine Erhebung der INFORM in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitswissenschaft der RWTH Aachen zeigt, wie bedeutend das Thema ist: Für 90 Prozent der Deskless Worker ist Wertschätzung fast so wichtig wie die Bezahlung. Gleichzeitig bestätigt der „Future of Jobs Report 2025“ des World Economic Forum, dass gerade in diesem Segment bis 2030 ein starkes Beschäftigungswachstum erwartet wird, insbesondere bei Berufen im Baugewerbe und in der Landwirtschaft sowie bei Fahr- und Lieferdiensten.
Die Deskless Workforce wird gerade für kleine und mittlere Unternehmen immer wichtiger. Laut der Studie „KMU unter Druck: Die Fachkräftesituation in den Bundesländern“ des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung entfielen zwischen Juli 2024 und Juni 2025 bundesweit 71,7 Prozent der rechnerisch nicht besetzbaren Stellen auf KMU. Besonders häufig fehlen beruflich qualifizierte Fachkräfte in Produktion und Fertigung, im Handwerk sowie in Gesundheits- und Sozialberufen. Viele dieser Berufe sind Teil der Deskless Workforce. KMU geraten durch diese Situation doppelt unter Druck: Sie müssen operative Mitarbeiter langfristig binden und zugleich als Arbeitgeber für neue Fachkräfte sichtbar werden.
Deskless Workforce und HR: Die Herausforderungen
Dass sich die Arbeitsrealität der Deskless Workforce oft von jener Büroangestellter unterscheidet, hat sich besonders deutlich während der Corona-Pandemie gezeigt. Vom Büroschreibtisch ins Homeoffice zu wechseln, war für die Deskless Workforce nicht möglich. Ihre Arbeit ist ortsgebunden, schichtbasiert und lässt wenig Spielraum bei den Arbeitszeiten. Personalengpässe, kurzfristige Dienstplanänderungen und Überstunden erhöhen den Druck zusätzlich. Während Beschäftigte im Büro oft flexible Arbeitszeiten haben, hängt die Work-Life-Balance der Deskless Workforce vor allem von planbaren Arbeitszeiten und Einfluss auf den Dienstplan ab.
Auch die gesundheitlichen Belastungen sind andere: Körperlich oft fordernde Arbeit, langes Stehen, wechselnde Schichten und Nachtarbeit prägen den Alltag der Deskless Workforce. Als Folge davon kann es zu Schlafproblemen und Erschöpfung kommen. Angebote für Gesundheit und Wohlbefinden sollten deshalb die tatsächlichen Arbeitsbedingungen berücksichtigen: etwa durch ergonomische Ausstattung am Arbeitsort oder faire Pausenregelungen.
Eine weitere Herausforderung für das Deskless Workforce-Management liegt in der Kommunikationslücke. Informationen erreichen Bürobeschäftigte über E-Mail, Intranet oder Kollaborationstools. Deskless Worker verfügen während der Arbeit jedoch häufig über keinen PC-Zugang, haben oft nicht einmal eine geschäftliche E-Mail-Adresse. Alternative Kommunikationswege wie Aushänge oder Infoterminals sind daher für die interne Kommunikation und die Mitarbeiterbeteiligung wichtig.
Bleiben Deskless Worker bei Zusatzleistungen, Weiterbildung und Mitgestaltung hinter Bürobeschäftigten zurück, kann der Eindruck einer Zwei-Klassen-Arbeitswelt entstehen. Was den Deskless Workern wichtig ist, zeigt die bereits erwähnte Erhebung von INFORM und der RWTH Aachen: Als Antwort auf eine Frage berichten 39 Prozent der Befragten von Kündigungsgedanken innerhalb der vergangenen 12 Monate. Als Gründe werden schlechte Bezahlung, mangelnde Wertschätzung und stressige Arbeitsbedingen genannt.