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Hoher Krankenstand in Deutschland: Was das für HR bedeutet

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Hoher Krankenstand in Deutschland stellt für Unternehmen eine große Belastung dar.

17. April 2025 · 9 Min. Lesezeit · HR WORKS Redaktion

Deutschland zählt im europäischen Vergleich zu den Ländern mit den höchsten Krankenstandsquoten. Diese Entwicklung stellt für viele Unternehmen eine große Belastung dar. Eine Reihe von Faktoren, darunter die veränderten Rahmenbedingungen durch elektronische Krankschreibungen, psychische Belastungen und eine zunehmende Aufmerksamkeit für das eigene Wohlbefinden spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Was ist Krankenstand und wie können Unternehmen dagegen vorgehen?

Krankenstand als Synonym für Arbeitsunfähigkeit gibt die durchschnittliche Anzahl der Fehltage pro Arbeitnehmer im Jahr an. Krankenstand laut Definition bezeichnet somit die krankheitsbedingte Abwesenheit von Arbeitnehmern und wird im Personalwesen als Kennzahl verwendet, um die Ausfallzeiten im Vergleich zur Soll-Arbeitszeit zu messen. Wer also seinen Beruf aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls vorübergehend nicht ausüben kann, befindet sich im Krankenstand. Dabei müssen alle Mitarbeiter, die sich im Krankenstand befinden, ihre Berufsunfähigkeit mit einer Krankmeldung nachweisen.

Um den Krankenstand zu senken, ist umfassendes Fehlzeitenmanagement entscheidend. Betriebliches Gesundheitsmanagement, flexiblere Arbeitszeitmodelle und die Förderung der psychischen Gesundheit der Mitarbeiter sind wichtige Maßnahmen, um die Gesundheit und Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu verbessern und die Krankheitsquote zu verringern. Die psychische Widerstandskraft der Mitarbeiter zu stärken ist ein Schlüssel zur Prävention von arbeitsbedingten Krankheiten und Ausfallzeiten.

Auch allgemeine Arbeitsbedingungen spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Ein gesundes und sicheres Arbeitsumfeld trägt maßgeblich zur Reduzierung des Krankenstands bei und fördert das Wohlbefinden der Mitarbeiter.

Was sind die Ursachen für den hohen Krankenstand in Deutschland?

Die Krankenstandsquote lag im ersten Halbjahr 2024 laut AOK bei 6,3 Prozent. Im März erreichte sie sogar bis zu 7 Prozent und lag damit deutlich über dem der Vorjahre. Der ehemalige Finanzminister Christian Lindner schlug bei diesen Zahlen sogar vor, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Seiner Ansicht nach erleichterte diese Regelung die Krankmeldung zu sehr und trüge damit zum hohen Krankenstand bei.

Doch egal, ob mit oder ohne telefonischer Krankschreibung: Die hohen Krankenstände sind ein ernstzunehmendes Problem für die deutsche Wirtschaft. Darum ist es für HR jetzt wichtig zu wissen, was genau die Ursachen für diesen Anstieg der Krankmeldungen sind. Nur so haben HR-Manager die Möglichkeit, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, um diese Herausforderung anzugehen.

1. Elektronische Erfassung und erhöhte Meldegenauigkeit

Seit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) 2022 in Deutschland wird jede Krankmeldung genauer und zuverlässiger erfasst als je zuvor. Wie der Wirtschaftsexperte Nicolas Ziebarth im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärte, trägt der technische Fortschritt bei der Erfassung dazu bei, dass auch Krankheitsfälle, die früher teils unerfasst blieben, nun registriert werden. In Kombination mit einer langfristigen Bereitschaft der Arbeitnehmer, Krankheitstage wahrzunehmen, sorgt dies für scheinbar hohe Zahlen, obwohl die Quote in der Realität möglicherweise gar nicht gestiegen ist.

2. Psychische Gesundheit und der Einfluss von Long Covid

Ein weiterer zentraler Faktor, der seit der Pandemie an Bedeutung gewonnen hat, ist die mentale Gesundheit der Belegschaft. Zahlreiche Arbeitnehmer sind von Long Covid betroffen und kämpfen mit anhaltenden Symptomen wie Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und Atembeschwerden, die ihre Arbeitsfähigkeit stark einschränken. Hinzu kommen durch die Pandemie ausgelöste psychische Belastungen, wie erhöhte Ängste und Depressionen, die sowohl die Fehlzeiten als auch die Produktivität beeinflussen.

3. Belastung durch Informationsflut und soziale Medien

Die verstärkte Nutzung sozialer Medien, aber auch die tägliche Informationsflut und negative Nachrichtenlagen sorgen zunehmend für einen „Information Overload“. Diese kognitive und emotionale Überforderung trägt zur Zunahme psychischer Belastungen bei und ist somit auch ein Faktor für den hohen Krankenstand. Laut Studien nimmt die Nutzung digitaler Geräte und das Konsumieren von Inhalten während und nach der Arbeitszeit zu, was den Stresslevel der Beschäftigten erhöht und ihre Erholung erschwert.

4. Soziale Absicherung und die Rolle der Lohnfortzahlung

Das deutsche System der Lohnfortzahlung bei Krankheit, das eine volle Lohnfortzahlung von bis zu 6 Wochen gewährt, ist eines der großzügigsten weltweit. In Ländern wie Schweden werden nur 80 Prozent des Lohns an Krankheitstagen gezahlt, was oft zu kürzeren Fehlzeiten führt. Obwohl ein starkes soziales Netz positiv ist, führt diese Großzügigkeit auch dazu, dass Mitarbeiter bei leichten Krankheitssymptomen eher zu Hause bleiben, als dies in anderen Ländern der Fall wäre.

Wer aber noch länger als 6 Wochen arbeitsunfähig ist, erhält Krankengeld. Dies beträgt in der Regel 70 Prozent des Bruttoeinkommens und soll den Verdienstausfall infolge von Krankheit oder Kinderbetreuung finanziell absichern.

Der Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius betonte im Manager Magazin, dass der hohe Krankenstand in Deutschland einen Unterschied zu anderen europäischen Ländern darstellt und für Unternehmen eine Herausforderung bedeutet.

Was sind AU-Tage? Bedeutung und Auswirkungen

AU-Tage sind laut Definition alle Tage, die auf einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung angegeben sind. Sie führen zu Produktivitätsverlusten und zusätzlichen Kosten für den Arbeitgeber, insbesondere wenn kein adäquater Vertretungsplan vorhanden ist. Es ist daher wichtig, dass Unternehmen angemessene Maßnahmen ergreifen, um die Auswirkungen von AU-Tagen zu minimieren und die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter zu fördern.

Aus den Arbeitsunfähigkeitstagen ergibt sich dabei die AU-Quote. Laut Definition beschreibt sie den Anteil derjenigen versicherten Beschäftigten, die mindestens einmal (oder auch mehrmals) in dem betrachteten Auswertungszeitraum krankgeschrieben waren.

Was Arbeitgeber und HR tun können, um den hohen Krankenstand zu bewältigen

Die Frage, wie Unternehmen – insbesondere HR-Manager – sinnvoll auf die hohen Krankenstände reagieren können, ist vielschichtig. Folgende Strategien haben sich bewährt, um sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit der Belegschaft zu fördern und den Krankenstand zu senken:

1. Teilzeit-Krankschreibungen zulassen

Eine Möglichkeit, die in Deutschland bisher kaum verbreitet ist, ist die Teilzeit-Krankschreibung. In Schweden beispielsweise können Ärzte Arbeitnehmer auch nur für halbe Tage krankschreiben. Das bedeutet, dass sie zwar offiziell eingeschränkt, aber teilweise arbeitsfähig sind. Dies könnte eine sinnvolle Lösung für Menschen mit leichten Erkältungen oder Belastungen sein, die keinen ganzen Arbeitstag durchhalten würden.

Laut dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, wäre dies auch in Deutschland umsetzbar und würde die Arbeitswelt durch mehr Flexibilität entlasten. Für Unternehmen und HR bietet sich damit eine Möglichkeit, Mitarbeiter nicht komplett aus der Arbeit auszuschließen, sondern ihnen die Freiheit zu geben, im Homeoffice zu arbeiten und zugleich auf ihre Gesundheit zu achten.

2. Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz fördern

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und ist ein Thema, bei dem HR eine zentrale Rolle spielt. Ein gezieltes Angebot von Resilienz- und Stressbewältigungstrainings hilft Mitarbeitern, mit Stress besser umzugehen und frühzeitig auf Warnsignale zu reagieren. Mental-Health-Programme einzuführen, regelmäßige Achtsamkeitsübungen zu organisieren oder eine offene Gesprächskultur über psychische Gesundheit zu fördern, wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter und die Krankenstände aus.

3. Flexible Arbeitsmodelle anbieten

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass viele Aufgaben von zu Hause oder hybrid erledigt werden können. Besonders bei leichten Erkrankungen (z.B. Erkältungen) ist es sinnvoll, Mitarbeitern Homeoffice anzubieten, wenn sie trotz Krankheit arbeitsfähig sind, aber dennoch eine Ansteckung anderer vermeiden möchten. Auf diese Weise bleibt der Arbeitsfluss erhalten und das Ansteckungsrisiko der Kollegen minimiert sich. Unternehmen, die diese Flexibilität anbieten, tragen dazu bei, dass Angestellte auch im Krankheitsfall noch in der Lage sind, produktiv zu sein, ohne ihre Gesundheit oder die ihrer Kollegen zu gefährden.

4. Work-Life-Balance und Digital Detox fördern

Die Work-Life-Balance von Mitarbeitern zu fördern, ist entscheidend für ihre Gesundheit und Produktivität. Ein wirkungsvoller Ansatz ist dabei das Konzept des Digital Detox – also das bewusste Reduzieren der Bildschirmzeit und digitalen Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten. Studien zeigen, dass ständige Erreichbarkeit die Gefahr von Stress und Burnout erhöht und eine echte Erholung vom Arbeitstag erschwert. Mit Digital Detox-Initiativen können Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen, die Kontrolle über ihre digitale Nutzung zurückzugewinnen und so die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit besser zu wahren.

Konkret kann Digital Detox im Arbeitsumfeld durch Maßnahmen gefördert werden, wie z.B. das Einführen festgelegter Ruhezeiten, in denen keine E-Mail-Benachrichtigungen an Mitarbeiter gesendet werden, oder durch technische Einstellungen, die außerhalb der Arbeitszeit den Zugang zu geschäftlichen Kommunikationskanälen einschränken. Diese Maßnahmen geben Mitarbeitern die Freiheit, sich mental von der Arbeit abzugrenzen, was die Regeneration und damit die langfristige Gesundheit unterstützt. So fördern Unternehmen eine Kultur, in der das Abschalten nach Feierabend geschätzt wird, was sowohl die Zufriedenheit als auch die Produktivität steigert.

5. Betriebliches Gesundheitsmanagement stärken

Um krankheitsbedingte Fehlzeiten zu reduzieren, ist vielschichtiges Fehlzeitenmanagement entscheidend. Dabei ist es wichtig, die Fehlzeiten systematisch zu erfassen und zu analysieren, die Erkrankungsursachen richtig zu identifizieren und die präventiven und kurativen Maßnahmen zu implementieren.

Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz umfasst beispielsweise gesunde Ernährung, Sportangebote und Stressmanagement, um die Gesundheit und Arbeitsleistung der Mitarbeiter zu verbessern und den Krankenstand zu reduzieren. Der Schlüssel dazu ist heutzutage vor allem die Stärkung der Resilienz – also der psychischen Widerstandskraft der Mitarbeiter.

Viele Krankheiten – insbesondere Atemwegserkrankungen – lassen sich durch vorbeugende Maßnahmen reduzieren. Gesundheitsprogramme mit regelmäßigen Check-ups, Grippeimpfungen oder anderen präventiven Maßnahmen verringern die Anfälligkeit der Belegschaft für häufige Krankheiten. Laut Robert Koch-Institut sind Atemwegs- und Erkältungskrankheiten Hauptursachen für Krankheitsausfälle in den Herbst- und Wintermonaten. HR nimmt hier eine tragende Rolle ein, indem es Gesundheitsmaßnahmen anbietet und Mitarbeiter über Präventionsmöglichkeiten aufklärt.

Mit längeren Ausfallzeiten sind jedoch Muskel-Skelett-Erkrankungen verbunden, die im vergangenen Jahr die meisten Arbeitsunfähigkeitstage verursacht haben. Allein auf diese Diagnosen sind 19,8 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage zurückzuführen. Das liegt hauptsächlich am Anteil der Langzeit-Erkrankungen von über 6 Wochen.

6. Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen ausbauen

Auch psychische Erkrankungen sind im Arbeitsumfeld nicht zu unterschätzen: Sie verursachen mit im Schnitt 28,5 Tagen im Jahr die längsten Ausfallzeiten. Bei den Arbeitsausfällen von mehr als 6 Wochen liegt ihr Anteil bei 8,1 Prozent.

Daher ist es wichtig, die Behandlungsmöglichkeiten für psychische Erkrankungen zu stärken und auszubauen.

Mögliche Therapieoptionen für psychische Erkrankungen im Arbeitsumfeld sind beispielsweise Trainings zur Stressbewältigung, Entspannungstechniken wie Meditation oder Yoga, aber auch Maßnahmen zur Verbesserung des Betriebsklimas und der Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus können auch Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung, wie etwa Gesundheitstage, Mitarbeiterberatung oder Supervision, zur Prävention und Behandlung psychischer Erkrankungen beitragen.

Alle genannten Maßnahmen tragen dazu bei, krankheitsbedingte Ausfälle weiter zu reduzieren und die allgemeine Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeitenden zu erhöhen.

7. Aktives Wiedereingliederungsmanagement nach Krankheitsphasen einführen

Für die Wiedereingliederung von Mitarbeitenden nach einer längeren Krankheitsphase sind Programme wie das Hamburger Modell eine bewährte Methode. Dabei wird die Arbeitszeit schrittweise erhöht, was vor allem bei ernsthaften Erkrankungen, aber auch bei Bagatellerkrankungen eine effektive Maßnahme ist. Diese Programme werden auch präventiv eingesetzt, um Mitarbeiter nach kürzeren Fehlzeiten sanft zurück ins Arbeitsumfeld zu integrieren.

Gezielte HR-Strategien gegen hohe Krankenstände

Der hohe Krankenstand in Deutschland stellt viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Aus der HR-Perspektive ist es entscheidend, die Erkrankungsursachen und Dynamiken hinter der Krankheitsquote zu verstehen und darauf mit gezielten und flexiblen Lösungen zu reagieren. Dabei ist der Schutz und die Förderung der psychischen und physischen Gesundheit der Mitarbeiter ebenso wichtig wie das Schaffen von Rahmenbedingungen, die eine flexible Reaktion auf leichtere Krankheitsfälle ermöglichen. HR sollte hier eine Vorreiterrolle übernehmen, um sowohl die Gesundheit als auch die Zufriedenheit und Produktivität der eigenen Mitarbeiter zu fördern.

Insbesondere durch die Einführung von Teilzeit-Krankschreibungen, die Stärkung der betrieblichen Gesundheitsförderung und die Beibehaltung der telefonischen Krankschreibung gelingt es Unternehmen, den Krankenstand nachhaltig zu senken.

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