Mehr Schein als echte Fürsorge
Viele Unternehmen investieren in Angebote, die das Wohlbefinden am Arbeitsplatz fördern. Wenn die Angebote zu den Bedürfnissen der Belegschaft passen, leisten sie einen Beitrag zum Employee Wellbeing. Wird aber der Arbeitsalltag durch hohen Zeitdruck, schlechte Führung oder fehlende Erholungszeiten bestimmt, spricht man von Wellness-Washing: Denn dann übertünchen sichtbare Wohlfühlangebote wie Tischtennisplatten oder Obstkörbe nur strukturelle Probleme. Sie dienen also vor allem dazu, das Image des Arbeitgebers aufzuwerten.
Das Wichtigste in Kürze
- Wellness-Washing bezeichnet eine nur oberflächlich gelebte Fürsorge für die Mitarbeitenden.
- Der Schein kann sich negativ auf Vertrauen, Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität auswirken.
- Glaubwürdige Arbeitgeber kümmern sich zunächst um gute Arbeitsbedingungen, Führung und Strukturen.
Was ist Wellness-Washing?
Wellness-Washing ist die Praxis mancher Arbeitgeber, ihr Engagement für die körperliche oder psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden stärker darzustellen, als es der Fall ist. Dabei ersetzen Social-Media-taugliche Einzelmaßnahmen eine Strategie, die das Employee Wellbeing tatsächlich nachhaltig verbessert. Nach einem ähnlichen Muster funktioniert das Greenwashing, bei dem durch vorgeschobene Aktivitäten ein umweltbewusstes Image erzeugt werden soll.
Ein Yogakurs oder Achtsamkeits-Workshop allein ist aber noch kein Anzeichen für Wellness-Washing. Mitarbeitende nehmen entsprechende Angebote erst dann als Scheinmaßnahmen wahr, wenn der Arbeitgeber gleichzeitig vorhandene Belastungsfaktoren ignoriert. Deshalb zeigt die gelebte Unternehmenskultur deutlicher als jedes Wohlfühlangebot, welchen Stellenwert das Employee Wellbeing einnimmt.
Wellness-Washing erkennen: Typische Anzeichen und Beispiele
Wellness-Washing liegt vor, wenn Unternehmen sichtbare Wohlfühlangebote anpreisen, die tatsächlichen Arbeitsbedingungen aber kaum verbessern. Unternehmen A wirbt zum Beispiel um neue Mitarbeitende mit flexiblen Arbeitszeiten, erschwert aber Homeoffice und Erholungszeiten. Oder Unternehmen B präsentiert auf seiner Homepage Firmenwagen und geldwerte Vorteile als Corporate Benefits, während hinter den Kulissen eine problematische Führungskultur das Arbeitsklima prägt.
Unregelmäßig stattfindende Aktionstage können ein weiteres Warnzeichen sein: Ein Wochenend-Workshop zur Stressbewältigung hilft nur bedingt, wenn unklare Zuständigkeiten, ein zu knappes Budget und fehlende Langzeitziele Dauerstress verursachen. Auch ein Feelgood-Manager ist nur dann nützlich, wenn er echte Veränderungen anstößt, statt auf symbolische Gesten zu setzen.
Entwickelt die HR-Abteilung Wohlfühlangebote ohne vorherige Mitarbeiterbefragung, gehen diese Maßnahmen womöglich am Bedarf vorbei. Ähnlich unglaubwürdig wirken Werte wie Respekt und Vertrauen, wenn sie zwar nach außen kommuniziert werden, aber keine Entscheidungen im Unternehmen prägen. Organisationen, die Unternehmenswerte erarbeiten, sollten daher konkrete Verhaltensmaßstäbe für Führung und Zusammenarbeit beachten.
Was ist der Unterschied zwischen Wellness-Washing und echter Fürsorge?
Beim Wellness-Washing ist die Sichtbarkeit einer Maßnahme wichtig, bei echter Mitarbeiterfürsorge deren Ursache, Nutzen und Wirkung. Mitarbeiterfürsorge beginnt mit einer Bedarfsanalyse, bezieht die Beschäftigten ein und verankert Gesundheitsförderung in Prozessen, Führung und Arbeitsorganisation.
Echte Mitarbeiterfürsorge prägt die Employee Experience. Mitarbeitende erkennen schnell, ob ihr Arbeitgeber nur nette Botschaften sendet oder verlässliche Rahmenbedingungen schafft. Glaubwürdige Angebote verbessern Vertrauen, Employee Engagement und Mitarbeitermotivation. Oberflächliche Maßnahmen erzielen das Gegenteil. Echte Fürsorge zeigt sich außerdem in schwierigen Situationen. Ein Unternehmen erscheint glaubhaft, wenn es bei einem schlechten Jahresabschluss nicht zuerst Gesundheitsmaßnahmen streicht.